Andacht

Herbsttag (Rainer Maria Rilke)

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

Pfarrer Ulrich PohlLiebe Gemeinde,

das Gedicht heißt Herbsttag und stammt von Rainer Maria Rilke. Er hat um die Wende zum letzten Jahrhundert gelebt und ist einer der Dichter, die ich besonders mag. In wenigen Worten lässt er vor unseren Augen eine ganze Jahreszeit erstehen. Er schafft es, das in Form eines Gebetes zu tun: Gleich die ersten Worte wenden sich direkt an Gott.

„Befiehl den letzten Früchten voll zu sein…“. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen einen Weinstock im Garten. Die Lese der letzten Trauben fällt mit dem Erntedankfest zusammen. Die Früchte, die uns die Natur hat zuwachsen lassen, schmücken dann den Altar unserer Kirche. Wir erinnern uns daran, dass sie letztlich aus der Hand Gottes kommen. Ich sehe, dass auch in meinem Leben die Zeit der Ernte angebrochen ist. Und über manches, was vorher noch unbeschwert war, legt sich von Zeit zu Zeit ein Schatten.

„Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren“. Wie sehr tröstet es mich, wenn ich mir vorstelle, dass es Gottes Hand ist, die diesen Schatten wirft. Gottes Hand, die sich über mein Leben breitet, manches mit Schatten belegt, der aber irgendwann weiterzieht. Vor allem aber: die mich segnet, die mich hält und birgt, wenn ich mich selbst nicht mehr halten kann.

„…und auf den Fluren lass die Winde los.“ Im späten Herbst weht er die letzten braunen Blätter von den Bäumen, treibt sie auf den Straßen vor sich her. Es wird November, in den Fenstern leuchten die ersten Kerzen, denen zum Trost, die im abendlichen Dunkel ihren Weg suchen, und denen, die sich in ihrem eigenen Zuhause nicht recht zu Hause fühlen. Ihnen scheint sich der Verfasser besonders verbunden zu fühlen. Er sieht sich schon jetzt „wachen, lesen, lange Briefe schreiben“. Wie anders das klingt als „fernsehen, surfen, online-shoppen“. Das eine hilft gegen die Einsamkeit langer Nächte. Es verbindet mich mit Gott und anderen Menschen. Das andere lässt mich allein und leer zurück.

Rainer Maria Rilke sagt es auf seine Weise weiter: Hinter allem, was auf mich zukommt, ist jemand am Werk, bei dem ich mich geborgen fühlen darf. Dass sich dieses Gefühl in den kommenden Wochen auch bei Ihnen einstellt, wünscht Ihnen zum Abschied

Ihr
Pfarrer Ulrich Pohl