Gedanken zur Jahreslosung

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6, 36)

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6, 36)Gottes Barmherzigkeit lässt sich besonders anschaulich am Worte “Barmen” erklären. Der Name Barmen soll von Landwehrwällen herkommen, von frühmittelalterlichen Befestigungsanlagen. In den Barmen, das hieße also hinter Dämmen und Wällen. Um eine Befestigungsanlage ganz besonderer Art geht es in unserem Bibelwort. Von Anfang an hat Gott sein Volk Israel mit dieser Barmherzigkeit als Schutzwall umgeben. Es fühlte sich bewahrt von den Dämmen Gottes. Sie nannten ihn Zuflucht, starke Mauer, Burg, Fels, Berg meines Heils und Schild. Gott ist der treue Bundespartner, der sein Volk führt und bewahrt. Aber die Barmherzigkeit Gottes geht noch viel weiter. Am hellsten leuchtet sie zu Weihnachten auf. Sie wird offenbar in der Geburt Jesu, unseres Herrn, zu unserer Erlösung, als Zeichen der Liebe für diese Welt. Mit ihm baut er einen Landwehrwall für uns. Jesus lebt und umgibt die Seinen mit seinem Geist. Dadurch ist ein Schutzwall und ein Damm in die Welt hineingebaut, hinter dem auch wir leben können und dürfen. Wir leben nicht nur in den Barmen, sondern auch im Erbarmen, in der Barmherzigkeit. 

Das hat Konsequenzen für uns und unsere Mitmenschen. Mit unserem Bibelwort aus der Predigt auf dem Felde weist Jesus uns heute einen Platz an, eine Funktion zu. Er sagt: Weil du im Erbarmen lebst, sollst du ein Barmherziger sein. Denn dein Nächster hat deine Barmherzigkeit nötig. Weil Gott für dich ist, sollst du für den anderen da sein.

Der barmherzige Samariter darf uns dabei als Anschauung dienen. Barmherzigkeit besitzt jemand, der imstande ist, sich ganz und gar in die Lage des anderen zu versetzen, sozusagen in dessen Haut zu schlüpfen, um seine Empfindungen und Gedanken nachvollziehen zu können. Es geht über einfaches Mitleid oder Mitgefühl hinaus, erfordert all unsere Geistes- und Willenskraft. Es geht um eine bewusste Identifikation mit dem Gegenüber, um entsprechend zu handeln. Barmherzigkeit ist für mich mehr, als verzweifelt zu helfen. 

Barmherzigkeit heißt, mit den Augen Gottes zu sehen.

Ich mag das Wort barmherzig so gern, weil darin das Wort Herz steckt. Herzworte beschreiben etwas, das tief von innen kommt. Kein äußeres Getue, sondern echt. Und etwas, das durch die äußere Schale in den Kern des anderen geht. Von Herz zu Herz sozusagen. Deshalb passt das Wort barmherzig so gut zu Gott.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Für mich steckt in diesem Satz eine Fließbewegung. Barmherzigkeit von Gott, dem Vater, zu mir und weiter zu meinen Mitmenschen. Wer Barmherzigkeit erlebt, gibt sie weiter. Wird selbst barmherzig. Deshalb ist es so wichtig, dass ich entdecke, wie und wo ich Barmherzigkeit in meinem Leben erfahre.

Ich versuche das am Abend eines Tages, wenn ich innerlich zur Ruhe komme und den vergehenden Tag Revue passieren lasse. Ich suche nach Spuren der Barmherzigkeit. Von Gott oder einem anderen Menschen. Meist fallen mir verschiedene Dinge ein. Manchmal nur ganz kleine: Ich habe Hilfe erfahren. Eine gute Wendung. Etwas hat sich geklärt. Mir ist verziehen worden. Ein gutes Gespräch. Wovor ich Angst hatte, das war dann doch ganz gut. Ich habe Freude empfunden. Liebevoll schaue ich alles an, auch das, was ich weitergegeben habe. Ohne zu werten. Ohne Messlatte. Alles Gute nehme ich wahr, lasse es tief in mein Herz ein und dort wirken. Wie Balsam.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Diakonin Helga Schröder 
(Ev. Kgm. Moers-Rheinkamp)