Unsere Corona-Erfahrungen

Corona oh nana oder der Beginn einer neuen Realität

Durch meine enge berufliche Zusammenarbeit mit China durfte ich bei dem Outbreak mehr oder minder live dabei sein. Wir haben also bereits gebangt, als sich viele Menschen in Deutschland noch in ihrer Komfortzone bewegt haben. Fluch oder Segen, jedenfalls waren wir gewarnt.

Als die ersten Fälle in Deutschland bekannt wurden und der Pandemiestatus durch die WHO ausgerufen wurde, waren wir uns deutlich bewusst, was auf uns zu kommt, geholfen hat es nicht wirklich. Jeden Tag brachten wir die Kinder mit einem mulmigen Gefühl in Schule und Kita und warteten abends gebannt vor dem Fernseher auf den ersehnten Lockdown, und ich rüstete mich für das unausweichliche Homeoffice. Gut, dass ich mir wenigstens darum keine Sorgen machen musste.

Endlich, Frau Merkel macht dicht. Erleichterung, Aufatmen, raus aus der Gefahrenzone. Nachdem wir neu organisiert waren und auch endlich wieder Klopapier im Haus hatten, muss ich zugeben, dass wir die ersten Wochen absolut genossen haben. Es war, als würde die Welt den Atem anhalten, kurz stillstehen. Vieles konnten wir in Ruhe machen, das Leben entschleunigen, länger schlafen, mehr Zeit miteinander verbringen. Bis nach den Osterferien fanden wir es alle toll. Die Luft wurde sauberer, man konnte den Himmel wieder ohne Schleier sehen und Delfine kehrten zurück in die Kanäle von Venedig. 

Doch irgendwann haben wir festgestellt, dass man die Zeit nicht ewig anhalten kann, fordern 40 Stunden Homeoffice die Woche ihren Tribut. Während Papa normal arbeiten ging, waren wir drei zu Hause, Woche um Woche. Wir sind es einfach nicht gewohnt, so lange aufeinander zu hängen. Mein Mann und ich arbeiten beide Vollzeit, die Kinder sind sicher versorgt in Kita und Schule, keiner musste mittags pünktlich kochen, das haben die Einrichtungen übernommen, und die Familie hat abends gemeinsam gegessen; die Haushaltsfee hat sauber gemacht, alles andere machte man nebenher. Die Wochenenden gehörten der Familie. 

Plötzlich war ich also Arbeitnehmerin, Arbeitgeberin in unserer Selbstständigkeit, Entertainerin, Putzfrau, Köchin, Lehrerin, Erzieherin, Gärtnerin und alles auf einmal. Was sonst so wunderbar durchorganisiert und verteilt war (und in den Ferien manchmal einfach sträflich vernachlässigt wurde), brach über mich herein. Irgendwann waren die Nerven blank, die Kinder überreizt. Uns fehlten schlicht und einfach die menschlichen Kontakte, ein normales alltägliches Leben, Sport oder einfach nur mal unbeschwert aus dem Haus zu gehen.

Was haben wir also gelernt? Es gibt nichts Wichtigeres als Freunde und Familie in den Arm nehmen zu können, dass Freiheit das höchste Gut auf Erden ist, dass manchmal der alte Nachbar wichtiger ist als jede Diskussion über politische Belange und dass das gesellschaftliche Miteinander nur funktioniert, wenn man mit Rücksicht, Respekt und Achtsamkeit miteinander umgeht.  

Die Menschen, die heute alt sind, erzählen ihren Lieben vom Weltkrieg, wahrscheinlich wird unsere Generation irgendwann von Corona erzählen und wie es war, als man plötzlich trotz allem Wohlstand doch irgendwie die Freiheit an den Nagel hängen musste.

Denise Roggenbuck

 

Krankenhausseelsorge in Corona-Zeiten  – Normalität im Ausnahmezustand

Noch immer steht das Bethanien-Krankenhaus mit seinem Lungenzentrum und dem Abstrichzelt im Innenhof besonders im Fokus – nicht zuletzt auch, weil der Chefarzt der Lungenklinik, Thomas Voshaar, in den Medien beratend und aufklärend präsent ist. Ja, auch im Bethanien gibt es stationär behandelte Covid-Fälle und eine eigens dafür eingerichtete Isolierstation, und nachdem sehr lange keine positiven Testungen unter den Mitarbeitenden zu verzeichnen waren, hat es nun doch auch unter den Mitarbeitenden Infizierte gegeben. Bei uns werden diese Menschen seelsorglich begleitet, wenn es Not tut, und in Sterbesituationen ist niemand allein.

Für die Krankenhausseelsorge hat die Covid-19-Zeit einige Konsequenzen. Zum einen fehlen die Grünen Damen und Herren. Deren Dienst haben wir seit März ausgesetzt und denken aktuell über eine vorsichtige Wiederaufnahme nach. Wir merken, wie sehr ihr Dienst fehlt,  Telefone anmelden, Kleiderkammer verwalten, Botengänge für Patient/innen wie Briefe einwerfen oder einen dringenden Überweisungsträger zur Bank bringen. Und vor allem das verlässliche Angebot, kontinuierlich, aber niederschwellig ins Zimmer zu schauen und ein offenes Ohr zu signalisieren. 

Die größte Herausforderung für die PatientInnen ist jedoch, dass nach wie vor keine BesucherInnen erlaubt sind. Aus nachvollziehbaren Gründen ist das Verbot nach wie vor in Kraft, weil die Gefahr durch asymptomatische Infizierte (Menschen, die das Virus tragen, aber nicht krank sind) als zu groß eingeschätzt wird. 

Wir in der Krankenhausseelsorge spüren deutlich, wie sehr die BesucherInnen fehlen, wie wichtig die Menschen sind, die die PatientInnen begleiten. Für meinen Kollegen und mich bedeutet das, dass wir in der Seelsorge versuchen müssen, zusätzlich zu unseren Gesprächen und Begleitungen diese beiden wegfallenden Hilfen zu kompensieren. Das schaffen wir nicht vollumfänglich, aber wir bemühen uns. Dabei erleben wir auch viele schöne Momente, und in denen fühlt es sich wie „normales Arbeiten“ an. Wir schenken Zeit und sind da. 

Die Kapelle ist nach wie vor geöffnet, wird allerdings momentan selten besucht. Dafür wird sie aus anderen Gründen stark frequentiert: Als größter Raum im Krankenhaus ist sie willkommener Ort für Besprechungen, in denen der Mindestabstand gewahrt und gut gelüftet werden kann. Aber wir senden aus der Kapelle montags um 14 Uhr einen kleinen Impuls zum Wochenstart und freitags auch um 14 Uhr einen Gottesdienst in die Patientenzimmer. Beide Angebote können kostenfrei empfangen werden. 

Wie lange dieser Ausnahmezustand noch anhält, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ungewiss. Gewiss ist, dass wir weiter versuchen, Menschen zu begleiten und ihnen Trost und Stärkung zu schenken. Seelsorge ist Teil des Behandlungsteams, das ist gut so. Melden Sie sich bitte, wenn Sie Unterstützung brauchen – selber als PatientIn oder für einen lieben Menschen. 

Anke Prumbaum 
(Pfarrerin in der Krankenhausseelsorge)

 

 

Wie war Corona für Sie / für Dich? 

Wir haben Menschen aus der Gemeinde nach ihren Erfahrungen in der Coronazeit gefragt, nämlich:

  1. ... was in der Coronazeit nervt(e).
  2. ... was in der Coronazeit fehlt(e).
  3. ... was angenehm war / ist.
  4. ... was ich gern beibehalten möchte.

 

Jennifer Schindler (25 Jahre):

  1. Rücksichtslose Menschen, die die Maske nicht ordnungsgemäß tragen.
  2. Umarmungen. Treffen mit der Familie, mit Freunden. Urlaubsreisen.
  3. Weniger „Freizeitstress“. Mehr Zeit für sich. Kein Gedrängel und Geschubse in der Öffentlichkeit.
  4. Mehr Ruhephasen zuhause einführen. Zuhause entspannen.

 

Willi Blanke (98 Jahre):

  1. Weniger Besuch durch die Familie. Ich komme nicht so oft raus. 
  2. Der Mittagstisch in der Gemeinde. Die Begegnung mit Anderen. Der Gottesdienstbesuch. 
  3. Zeit zum Lesen (aber die hab ich ja auch sonst). Gottesdienst am Computer gucken. 
  4. Den Gottesdienst guck ich mir auch weiter zuhause an, wenn ich nicht mehr in die Kirche kommen kann.

 

KonfirmandInnen (13/14 Jahre): 

  1. Die Maske, das Abstandhalten. Desinfektionsmittel. Homeschooling. Weniger Kontakt zu Freunden und Familie. Angst um Familie, mich selbst und um Freunde. Der unstrukturierte Tag. Die Einschränkungen.
  2. Es war eintönig, immer nur das Gleiche gemacht. Verwandte zu sehen. Der strukturierte Tages- und Wochenablauf. Erlebnisse. Einkaufen. Dass ich Oma und Opa nicht sehen durfte. Der normale Schulalltag. Spontane Ausflüge ins Schwimmbad oder den Freizeitpark. Umarmungen mit der Familie. Die meisten Freizeitaktivitäten. Meine Freunde. 
  3. Das Ausschlafen und lange Netflix gucken (bis 3 Uhr). Mit Freunden rausgehen. Man hatte Ruhe, musste nicht viel machen. Homeoffice statt Schule. Lange Zocken. Keine Schule. Weniger Stress, das Homeschooling. Mehr Zeit mit der Familie. 
  4. Ich würde Homeoffice beibehalten, weil es gechillter ist. Ein bisschen mehr Zeit. Ausschlafen, keine Schule. Mehr Zeit mit der Familie. Mehr auf Kranke und Ältere achten. Dankbar sein. Dass man nicht alles unter Stress machen sollte. Genießen und nicht alles ausführlich machen. Homeschooling weiter, damit nicht so viele Autos und Busse fahren müssen. Dass die Natur sich weiterhin erholt. Nachrichten gucken.